30 Jahre Internet – eine umfassende Würdigung

Wer in früheren Jahrhunderten absonderliche Ideen hatte, der ist zum Beispiel auf eine Kokospalmeninsel ausgewandert, hat eine Religionsgemeinschaft gegründet und der Menschheit war es egal. Heute betreiben wir Serverfarmen mit dem Energiebedarf mittlerer Schwellenländer, um noch den letzten Winkel der Welt darüber desinformieren zu können, dass Impfungen ein viel größeres Problem sind als der Klimawandel. Happy Birthday.

Homo Deus

Nach den „21 Lektionen …“ habe ich inzwischen auch Yuval Noah Hararis vorhergehendes Buch „Homo Deus – eine Geschichte von Morgen“ durchgeschmökert. Das läuft, wiederum mitreißend geschrieben, darauf hinaus, dass sich angesichts der aktuellen bio- und informations­technischen Umwälzungen auch die erfolg­reichsten Ideologien des 20. Jahrhunderts (Liberalismus, Humanismus, Demokratie) überlebt haben könnten, und spekuliert darüber, welche neuen Paradigmen und Religionen ihnen nachfolgen und was das für Homo sapiens bedeutet.

Das alles wirft eine Menge Fragen auf. Um nur einige anzureißen, die mir gerade durch den Kopf gehen: Lässt sich das, was ein Mensch als den wesens­bestimmenden Kern seines Daseins empfindet, nur erhalten, indem er sich den informations­verarbeitenden Datennetzen möglichst konsequent verweigert? Und wäre es überhaupt noch sinnvoll, etwas als menschlich Empfundenes gegenüber künstlicher Intelligenz verteidigen zu wollen, wenn maschinelle Algorithmen uns in naher Zukunft ohnehin viel besser kennen als wir selbst?

Kurz gesagt: Auf die Gefahr hin, biedermeiernd zu wirken, muss ich konstatieren, dass „Homo Deus“ starke Argumente für die Ansicht liefert, das Leben im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts sei insgesamt das sehr viel lebenswertere gewesen als das der Gegenwart …

Tempolimit etc.

Es stört mich gerade sehr, dass die Bundesregierung Tempolimits kategorisch ausschließt. Man hat sich zwar bei den Verkehrsministern über die Jahrzehnte dran gewöhnt, dass sie traditionell industrienahe Vollgaslobbyisten sind; aber wenn sie allzu penetrant Menschenverstand mit Stammtischweisheit verwechseln, sollte der geneigte Wähler annehmen dürfen, dass sie beim Rest ihrer Kabinettskollegen auf wenig Toleranz stoßen. Wenn es also offiziell Regierungsposition ist, der dümmeren Hälfte des Volkes nach dem Maul zu reden, läuft grade irgendwas falsch.

Dabei ist die Sache so offensichtlich wie die Schwerkraft: Wer etwas langsamer fährt, setzt erstens weniger Schadstoffe frei und zweitens seine Mitmenschen geringerem Unfallrisiko aus. Wer demgegenüber von der Freiheit des Autofahrers faselt, hat das Konzept und die Begrenzungen individueller Freiheit nicht begriffen oder, schlimmer noch, ignoriert sein Wissen zum Nachteil Anderer. Von einer Regierung, die sich dem Wohlergehen ihrer Bürger verpflichtet fühlt, muss man erwarten dürfen, dass sie sich solchen Entscheidungen, die bei vergleichsweise winzigem Aufwand die Lebensqualität Aller signifikant steigern, nicht verweigert, bloß weil sie es sich beim nächsten Urnengang nicht mit der Klientel egomaner Hedonisten verderben möchte.

Im Gegenteil dürfte man sehr gern nicht nur über ein generelles Limit auf Autobahnen, sondern in einem Aufwasch auch gleich über die Regelung auf Landstraßen nachdenken. Pauschal 70 km/h statt der allzuoft üblichen 100 überall dort, wo es je Richtung nur eine Spur ohne Randstreifen gibt, hätte etwa denselben Effekt wie die zeitweilig so modernen Schutzstreifen für Radfahrer, nur ohne viel Asphaltmalerei, und wäre damit ein viel intelligenterer Schritt in Richtung fahrradfreundlicher Infrastruktur als Millionenbeträge für irgendwelche neuen Radwege.

Wobei es bei all diesen simplen Maßnahmen letztlich an der Durchsetzung hapern würde; gibt ja beispielsweise auch schon ein Handyverbot am Steuer, und kaum einen interessierts – wann immer ich einen besonders erratisch gesteuerten Pkw sehe (was erschreckend oft der Fall ist), wäre es eine erfolgversprechende Wette zu behaupten, dass die Person am Steuer das Smartphone entweder ans Ohr hält oder darauf eine Nachricht tippt. Was all das angeht, haben wir für meinen Geschmack in Deutschland eher zu viel Freiheit als zu wenig …

Erinnerungskulturtipp

Traditionell wird in Hamburg ab dem 27. Januar, dem Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, in einer Reihe von Veranstaltungen der Holocaust-Opfer gedacht, unter anderem mit einer szenischen Lesung, die Michael Batz auf der Basis von Originaltexten (Gerichtsprotokollen, Akten und anderen Dokumenten) inszeniert. Die Uraufführung der diesjährigen Lesung „Sog nit kejnmol – Lieder aus Lagern und Ghettos“ wird am Sonntag ab 17 Uhr live aus der Hamburgischen Bürgerschaft im Internet übertragen.

Anlässlich des Umstands, dass „Sog nit kejnmol“ bereits die 20. Lesung ist, hat die Bürgerschaft gerade einen opulenten Sammelband herausgegeben, auf den ich mir in diesem Zusammenhang ebenfalls hinzuweisen erlaube (Pressemeldung des Verlags, PDF) – obwohl es auch ein bisschen Eigenwerbung ist, da ich für Satz und Produktion im Impressum stehe :-) (Nach der Neuausgabe des „Behemoth“ war das für mich übrigens der zweite 700-Seiter zur NS-Diktatur innerhalb eines Jahres …)

Nochmals zu den „21 Lektionen“

Tatsächlich blieb meine Lektüre der letzten paar Tage lesenswert* bis zum Schluss, wenn ich mir auch an einigen Punkten konsequenteres Zu-Ende-Denken gewünscht hätte – und etwas mehr Radikalität hier und da, mehr Ecken und Kanten. Im Grunde stellt es eine intelligent kommentierte Liste der wesentlichen Probleme dar, die sich bei der Beschäftigung mit der näheren Zukunft stellen; und je nach Interessenlage wird man bei diesem oder jenem Kapitel verlockt sein, gleich noch vertiefend weiterzulesen. Weiterzudenken sowieso.

In jedem Fall sind die 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert gut geeignet, um die eigenen Prioritäten bei der Wahrnehmung der Welt kritisch zu hinterfragen, und dank (nur manchmal zu) locker-humorvoller Erzählweise wird man dabei auch noch gut unterhalten.

Schade fand ich, dass der finale Abschnitt meinen spontanen Gedanken am Ende von Kapitel 20 bestätigte, „Das wäre ein guter Schluss!“ Denn in Numero 21 geht es um Meditation (ausdrücklich nicht im Sinne religiöser Riten oder esoterischen Quarks, sondern als aus Sicht des Autors valides Mittel, den Geist – als vom Gehirn zu Unterscheidendes – aus erster Hand zu erforschen) – und indem Harari betont, wie zeitaufwendig echte Meditation sei und dass er sich jedes Jahr für ein bis zwei Monate in einen Retreat zurückziehe, bekommt ein ansonsten sehr lebensnahes Buch auf den letzten Seiten doch noch eine Anmutung von In den obersten Stockwerken des Elfenbeinturms geschrieben

*Erbsenzählerfußnote: und fehlerarm

Leseempfehlung: 21 Lektionen …

Zwar habe ich noch nicht mal die Hälfte der 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert (so der vollständige Titel) des Historikers Yuval Noah Harari durchgeackert, bin aber schon jetzt so fasziniert von diesem Buch, dass es hier eine Randbemerkung verdient. Darin denkt ein offenkundig geistes- wie herzenskluger Mensch intensiv drüber nach, vor welchen Herausforderungen die Menschheit in einer Epoche steht, in der nach Faschismus und Kommunismus auch der Liberalismus am Ende zu sein scheint und noch keine neue sinnstiftende Erzählung (seine Formulierung) sichtbar ist.

Naturgemäß findet nicht jede Frage eine Antwort und nicht jede seiner Folgerungen meine Zustimmung. Eher stellen sich immer noch neue Fragen, aber aus manchmal überraschenden Perspektiven; und vielleicht ist gerade das so wichtig, um Mit- und Weiterdenken zu provozieren.

Ich lese es übrigens auf Deutsch, da ich es so unterm Tännchen gefunden habe :) Ein Teil des Verdienstes, dass der schwere Stoff flüssig und unterhaltsam lesbar ist, gebührt daher dem Übersetzer Andreas Wirthensohn. Und schließlich sei der Verlag für ein ungewöhnlich sorgfältiges Korrektorat gelobt; muss man ja auch mal sagen, nachdem es auf diesem Feld heutzutage so häufig Grund zum Meckern gibt …