Ich fühl mich (mal wieder) verapplet

Wie soll man bitte als primär visuell orientierter Mensch eine SMS schreiben, wenn man nicht sehen kann, was man gerade tippt?
SMS_iPhone
Hintergrund:

In der Familie ist gerade beim generationen­übergreifenden Durch­tauschen der Telefone ein iPhone 5s frei geworden, und ich dachte mir, das könnte ich ja für meine Bedürf­nisse einrichten, um mir den permanenten Ärger über meine Nokia-Gurke zu ersparen. Theo­retisch ist so ein älteres, noch leidlich kleines iPhone für meine aktuellen Ansprüche an ein Telefon ja prädesti­niert: Mail, Musik und überhaupt alle Apps löschen, die sich löschen lassen – dann bleibt selbst bei einem Gerät mit wenig Speicher genug Platz, um ein paar Offline-Landkarten zu instal­lieren –, Vergrößerungs­glas­funktion für die Kamera und sonstige Bedienungs­hilfen konfigu­rieren, fertig ist das sogar ohne Brille nutzbare Senioren­handy für Telefon, SMS, Navigation ohne Internet und sonst nix.

Theoretisch.

Praktisch gibt es da bei iOS 12 (der letzten auf dem 5s installier­baren Version) ein Problem: Die Favoriten­leiste über der Tastatur lässt sich nicht ausblenden. Auch nicht mit den Tricks, die lt. Internet noch bei iOS 11 galten. Damit zumindest eine Zeile Text sichtbar bleibt, muss man die Schrift wieder so klein regeln, dass es sogar mit Brille wieder mühsam wird. Alternativ muss ich SMS im Hoch­format tippen, und zumindest ich mit meinen Worscht­fingern habe dann wieder die gleiche Fehler­quote wie beim Tasten­telefon. – Aber wozu sollte man überhaupt während einer SMS auf den App Store zugreifen wollen? Die Vorstellung, das nicht zu wollen, ist im Design schlicht nicht mehr vorgesehen – das ist wieder eine dieser Apple-typischen Nutzer­bevor­mundungen, die eine an sich gute Idee ruck, zuck in ihr Gegenteil verkehren. Und an dieser Stelle ist es umso ärger­licher, dass man kein älteres Betriebs­system mehr installieren kann, wenn man erst einmal aktua­lisiert hat. (Warum eigentlich nicht? Weil isso, eine über­zeugendere Begründung lässt sich dafür nicht recher­chieren.)

***

Anekdote in diesem Zusammenhang: Ein Familien­mitglied hat mich neulich gebeten, bei einem Hamburg-Besuch etwas aus dem Apple Store mitzubringen. Ich geh da ja sowieso nicht gern rein, weil es einer dieser deprimierenden Orte ist, an denen Konsum als Religion besonders schamlos zelebriert wird. Aber gut, reingegangen, Zubehör­teil loka­lisiert, Kasse gesucht. Nein, eine Kasse haben wir hier nicht. Wir gehen davon aus, dass unsere Kunden per Apple Pay bezahlen wollen. Ach so, mein Telefon kann so was aber gar nicht. Oh, wenn es ein altes iPhone ist, nehmen wir es gern in Zahlung, dann können Sie nächstes Mal auch mit Apple Pay … Schönen Dank auch, ich bleibe bei Barzahlung. (Ging dann auch, der Kollege musste halt mit dem Schein irgendwohin verschwinden, um Wechselgeld zu suchen.)

***

(Aber statt sich all diese Lifestyle-Grütze auszudenken, könnten sie in Cupertino gern auch mal wieder einen Laptop entwerfen, bei dem man nach­träglich Teile austauschen kann. Die letzten anständigen Computer mit Apple-Logo stammen nämlich aus dem Modell­jahr 2012. Davon hab ich damals ungefähr alle auf Vorrat gekauft, die ich mir leisten konnte, aber wer weiß, wie lange die noch halten.)

6 Kommentare zu „Ich fühl mich (mal wieder) verapplet

  1. Hm. Vielleicht wäre eine andere Tastatur-App hilfreich? Aber dazu müsstest du auch wieder im AppStore suchen … Ich glaube allerdings, dass es nur sehr wenige Menschen gibt, die ihre Nachrichten nicht im Hochformat schreiben. :)

    1. Also Typewise hatte ich tatsächlich schon ausprobiert in der Hoffnung, mich doch mit Hochformat anzufreunden. Aber im Tutorial (das ich selbst mit Brille kaum lesen konnte) bin ich mehrfach an ganzes Wort löschen gescheitert; ich bin offensichtlich zu doof für Wischgesten.

      Jetzt hab ich deinen Kommentar zum Anlass genommen, noch mal zu suchen, aber da gibt es nicht mehr viel. Bei Blink kann ich einstellen, was ich will, diese Tastatur lässt sich für SMS nicht auswählen; dann gibts noch eine, die gleich Geld kostet, aber seit 2016 nicht aktualisiert wurde, und das war es auch schon, von Emoji-Keyboards mal abgesehen. Oder ich bin auch zum Suchen zu doof :)

      Also Standardkeyboard, deutsch, aber ohne die extra Umlaut-Tasten, zum Platzsparen im Hochformat. Besser wirds wohl nicht.

  2. hi Christian,
    die Probleme mit Inhalts-verdeckenden Tastaturen gibt es – kaum zu glauben – selbst auf dem iPadPro unter iPadOS 13.x, z.B. bei online-Foren im Browser.
    Wenn ich zuhause bin benutze ich daher fast immer meine (verkabelte) Mac-Tastatur mittels des Tools Type2Phone, das die Mac- zu einer virtuellen Bluetooth-Tastatur macht. Kostet 10 € und lohnt sich! https://www.houdah.com/type2Phone/
    lieben Gruß, Thomas_U

    1. Das ist tatsächlich eine schöne Idee. Wenn ich nicht SMS meist unterwegs verwenden würde, daheim nur selten, würde ich die zehn Euro sicher investieren.

      (Erinnert mich daran, dass ich vor vielen Jahren tatsächlich mal eine separate Bluetooth-Tastatur zum Handy hatte. Aber noch ein Teil mehr, bei dem man nicht vergessen darf, dass es aufgeladen ist? Daran hätte ich heute keinen Spaß mehr.)

  3. Und da erzählen mir die Apfeljünger im Bekanntenkreis immer, dass auf den Geräten dieser Marke „alles einfach geht“.

    Sollte es auch, bei den Preisen. Mein Beileid.

    Gruß,
    Klaus

    1. Auf Äpfeln geht alles einfach, wenn man zwei Voraussetzungen akzeptiert:
      1. alles ist definiert als „alles, was die Produktdesigner als Nutzungsszenario vorgesehen haben“;
      2. einfach ist definiert als „nur dann verständlich, wenn du keine vorherigen Erfahrungen mit – oder gar eigene Erwartungen an – Schnittstellen-Design und Usability mitbringst“.
      Dass die Hardware richtig gut und ihr Geld wert war (wie bei besagten 2012er Rechnern), ist meiner Ansicht nach eine Weile her. Wobei man der Fairness halber auch sagen muss: Im Android-Universum würdest du heute wohl kein 6+ Jahre altes Gebrauchtgerät mit einer fast noch aktuellen Betriebssystem-Version finden wie das iPhone, mit dem ich grade rumexperimentiere. Ein bisschen relativiert sich da auch der zugegeben meist obszöne Neupreis.

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