(Un-)Gesunde Skepsis

Neulich ergab es sich, einige Dinge mit jemandem zu diskutieren, der den menschlichen Einfluss aufs Klima bestreitet bzw. das eigentliche Problem weniger in Treibhausgasen als vielmehr in Chemtrails sieht. Solche Diskussionen sind zwar per se zwecklos, aber als argumentative Fingerübung verfasste ich trotzdem ein paar E-Mails. Hier nun, anonymisiert, meine abschließenden Gedanken:

Was du die Mainstream­erkenntnisse in der Klimadebatte nennst, ist ja keine Mehrheits­*meinung*, sondern ein Grundkonsens darüber, was als gesicherte Tatsache gelten kann und an welchen Stellen noch Unsicher­heiten bestehen. Um diese Tatsachen festzu­stellen und in einem kontinu­ierlichen Prozess die Unsicher­heiten zu beseitigen, dafür gibt es in der Welt der Wissenschaft normierte Verfahren, die über alle ideologischen Grenzen hinweg anerkannt sind (und die ebenfalls kontinu­ierlich verbessert werden, wo sie noch Defizite haben – so wie die traditionelle „Double blind“-Form des Peer Reviewings neuerdings durch transpa­rentere Open Reviews ergänzt wird, weil man sich der Probleme von Doppelblind-Verfahren bewusst ist).

Wer (wie der Chemtrails-Flyer so keck Kant zitiert) den Mut hat, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, der muss, um da, wo er selbst nicht die Kenntnisse hat, auf die Ergebnisse aus wissen­schaftlichen Erkenntnis­prozessen zurückgreifen. Es ist ja gerade kennzeichnend für Wissen­schaft, die ernst genommen werden möchte, dass sie zuallererst sich selbst anzweifelt und etwas erst dann als Tatsache gilt, wenn es nach rational nachvoll­ziehbaren Kriterien verifiziert ist.

In diesen Maßstäben ist z.B. die Schwer­kraft bis ins Detail verifiziert; die Prozesse der Evolution, wie von Darwin beschrieben, sind im Grundsatz verifiziert, über einige Details herrscht noch Uneinigkeit; ebenso ist im Grundsatz verifiziert, dass das Tempo der klimatischen Veränderungen auf der Erde seit Beginn der Industria­lisierung sehr viel höher ist als in vorherigen erdgeschicht­lichen Epochen ohne Einfluss des Menschen; was das im Detail bedeutet und wie man darauf reagieren sollte, darüber herrschen in der Fachwelt noch Uneinigkeit und Zweifel.

An dieser Stelle grätscht nun die sog. Gegen­öffentlichkeit rein und sagt, wenn etwas nicht zu 100% sicher ist, dann muss es ja falsch sein. Die Autoren solcher Theorien nehmen dankbar jeden wissen­schaftlich dokumentierten Zweifel auf und schlachten ihn aus. Bezeichnend dabei ist, dass sie – anders als ernsthafte Wissen­schaftler – niemals sich selbst anzweifeln und dass sie sich grund­sätzlich weigern, ihre Theorien einer wissen­schaftlich anerkannten Prüfung zu unterziehen. Weil die Chemtrails-Leute, die 9/11-Leute usw. genau wissen, dass klassische Review-Verfahren zu dem Ergebnis kämen, dass es sich bei ihren Theorien mit hoher Wahrschein­lichkeit um Bullshit handelt, gehört zu ihrem Repertoire auch die Verschwörungs­theorie, dass es sich bei Peer-Review-Verfahren und anderen Techniken des wissen­schaftlichen Erkenntnis­prozesses um Unterdrückungs­mechanismen der herrschenden Klasse handelt.

Auf diese Weise sind sie in der glücklichen Situation zirkulärer Argumentation: Ihre Theorien können weder verifiziert noch falsifiziert werden; jedes Verfahren, das Zweifel an der jeweiligen Theorie begründet, „beweist“ im Gegenteil, dass dieses Verfahren fehlerhaft ist.

Natürlich kann man, wenn die Autobahn voller Geister­fahrer ist, die Verkehrs­funkmeldung „… kommt Ihnen ein Falschfahrer entgegen“ als Propaganda­lüge der Mainstream-Medien entlarven, das Radio ausschalten und weiter geradeaus fahren. Das wäre allerdings kein Akt rationalen Handelns, sondern ein Akt des Glaubens und Vertrauens.

In diesem Sinne sind die gängigen Theorien der Gegen­öffentlichkeit nicht Wissenschaft, sondern Religion. Dagegen ist nichts einzu­wenden, natürlich darf man das fliegende Spaghetti­monster anbeten oder daran glauben, dass die Waschbecken-Ventile an Flugzeugen nicht zum Waschbecken führen, sondern zu geheimen Tanks, die nie ein Techniker sah. – Aber es ist halt entlarvend, wenn man auf der einen Seite so tut, als argumentiere man wissen­schaftlich und rational, während man sich auf der anderen Seite den Verifikations­mechanismen, die weltweit als wissen­schaftlich und rational gelten, konsequent verweigert.

Und in diesem Sinne ist es natürlich fruchtlos, mit Anhängern der Gegen­öffentlichkeit zu diskutieren – weil wir völlig andere Grund­annahmen darüber haben, mit welchen Methoden eine Theorie überprüft werden kann. Inhalte religiöser Über­zeugungen kann man nicht beweisen, daran sind kluge Menschen seit Jahr­tausenden gescheitert. Man kann nur dran glauben. Oder eben nicht.

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