Tempolimit etc.

Es stört mich gerade sehr, dass die Bundesregierung Tempolimits kategorisch ausschließt. Man hat sich zwar bei den Verkehrsministern über die Jahrzehnte dran gewöhnt, dass sie traditionell industrienahe Vollgaslobbyisten sind; aber wenn sie allzu penetrant Menschenverstand mit Stammtischweisheit verwechseln, sollte der geneigte Wähler annehmen dürfen, dass sie beim Rest ihrer Kabinettskollegen auf wenig Toleranz stoßen. Wenn es also offiziell Regierungsposition ist, der dümmeren Hälfte des Volkes nach dem Maul zu reden, läuft grade irgendwas falsch.

Dabei ist die Sache so offensichtlich wie die Schwerkraft: Wer etwas langsamer fährt, setzt erstens weniger Schadstoffe frei und zweitens seine Mitmenschen geringerem Unfallrisiko aus. Wer demgegenüber von der Freiheit des Autofahrers faselt, hat das Konzept und die Begrenzungen individueller Freiheit nicht begriffen oder, schlimmer noch, ignoriert sein Wissen zum Nachteil Anderer. Von einer Regierung, die sich dem Wohlergehen ihrer Bürger verpflichtet fühlt, muss man erwarten dürfen, dass sie sich solchen Entscheidungen, die bei vergleichsweise winzigem Aufwand die Lebensqualität Aller signifikant steigern, nicht verweigert, bloß weil sie es sich beim nächsten Urnengang nicht mit der Klientel egomaner Hedonisten verderben möchte.

Im Gegenteil dürfte man sehr gern nicht nur über ein generelles Limit auf Autobahnen, sondern in einem Aufwasch auch gleich über die Regelung auf Landstraßen nachdenken. Pauschal 70 km/h statt der allzuoft üblichen 100 überall dort, wo es je Richtung nur eine Spur ohne Randstreifen gibt, hätte etwa denselben Effekt wie die zeitweilig so modernen Schutzstreifen für Radfahrer, nur ohne viel Asphaltmalerei, und wäre damit ein viel intelligenterer Schritt in Richtung fahrradfreundlicher Infrastruktur als Millionenbeträge für irgendwelche neuen Radwege.

Wobei es bei all diesen simplen Maßnahmen letztlich an der Durchsetzung hapern würde; gibt ja beispielsweise auch schon ein Handyverbot am Steuer, und kaum einen interessierts – wann immer ich einen besonders erratisch gesteuerten Pkw sehe (was erschreckend oft der Fall ist), wäre es eine erfolgversprechende Wette zu behaupten, dass die Person am Steuer das Smartphone entweder ans Ohr hält oder darauf eine Nachricht tippt. Was all das angeht, haben wir für meinen Geschmack in Deutschland eher zu viel Freiheit als zu wenig …

4 Kommentare zu „Tempolimit etc.

  1. Zu „… weniger Schadstoffe … und … geringerem Unfallrisiko“ lass mich weniger offensichtlich als die Schwerkraft aber nicht zu vernachlässigend wichtig ergänzen: Die kinetische Energie eines bewegten Körpers ist E=½ m v^2, die Hälfte der Masse mal dem Quadrat(!) der Geschwindigkeit. D.h. doppelte Geschwindigkeit = vierfache kinetische Energie = vierfach schlimmere Unfallfolgen! Oder praxisnäher 1,4-fache Geschwindigkeit = doppelte Energie. Ein Auto, das mit 140 km/h ins Stauende rast hat doppelt so viel Energie wie mit 100 km/h (oder 70 km/h zu 50 km/h, 35/25 etc.). Ein meiner Meinung nach nicht zu unterschätzender Aspekt.

    1. Danke, wichtiger Hinweis. Solche Sachen wie exponentielle Verhältnisse oder auch Wahrscheinlichkeiten sind ja oft alles andere als intuitiv. Umso erschreckender, dass dann auch Leute, die als Experten für so was gelten, öffentlich behaupten, dass es egal sei, ob man mit 100 oder 160 gegen den Baum fährt.

      (Allgemein finde ich es auf beängstigende Weise faszinierend, mit welcher Selbstverständlichkeit Tatsachen, Glaubenssätze und bloße Mutmaßungen als gleichberechtigt wahrgenommen werden. Wie soll ein Gemeinwesen unter diesen Umständen noch informierte Entscheidungen treffen?)

      1. Bildung tut Not! Bildung, Bildung, Bildung! Wissen ist Macht!
        Gegen einen Baum kann ja fahren wer will. Nur schade um den Baum und traurig für die Retter und Hinterbliebenen. Ich glaube auch, die Folgen sind bei 100 km/h und 160 km/h gleich fatal. Höchstens noch eine Frage wie groß die Überreste sind und wie schwer die Bergung ist.
        Aber die Gefahr, die man anderen aussetzt! Die Insassen eines am Stauende stehenden Kleinwagens haben vielleicht bei einer ihm hinten auffahrenden Limousine mit 120 km/ deutlich bessere Überlebenschancen als bei 220 km/h. Davon abgesehen ließe sich der Aufprall bei geringer Geschwindigkeit wegen kürzerer Reaktions- und Bremswege ohnehin viel wahrscheinlicher ganz verhindern.
        Mein Physiklehrer schlug gern vor die Tachometerskalen nicht in schlecht begreifbaren km/h sondern entweder in m/s zu beschriften oder sogar mit der der jeweiligen Geschwindigkeit entsprechenden Fallhöhe.
        km/h : 3,6 = m/s
        Also schon ein schneller Radler mit 36 km/h legt 10 m/s zurück!
        Falls jemand Fallhöhe selbst rechnen will (konstante Beschleunigung im Fall auch jenseits der 200 km/h angenommen):
        h= v^2 : (2 · 9,81) mit Geschwindigkeit v in m/s.
        Beispielzahlen:
        20 km/h = 1,6 m (zwei Tische übereinander)
        50 km/h = 9,8 m (ca. 3. Stock bei 3 m/Stockwerk)
        100 km/h = 39 m (ca. 13. Stock)
        160 km/h = 100 m
        200 km/h = ca. 160 m
        Die Höhe des Betriebsraumes des Hamburger Fersehturmes ist 150 m.

      2. Ich glaube auch, die Folgen sind bei 100 km/h und 160 km/h gleich fatal.
        Wenn ich es richtig verstanden habe bei der Berichterstattung, hat der fragliche Experte beim Verkehrsgerichtstag das auch so gemeint. Nur sollte man, wenn man so plakativ argumentiert, inzwischen gelernt haben, dass solche Sätze sich wunderbar für die unterschiedlichsten Zwecke instrumentalisieren lassen.

        Fallhöhe ist tatsächlich ein sehr viel begreifbarerer Wert als km/h. Ein einziges Mal im Leben bin ich vom Zehner gehüpft und das mit Bauchgrimmen, aber vereinzelte 80 km/h auf dem Rennradtacho waren 25 Meter ohne Wasser im Becken … Ganz schön bescheuert im Rückblick.

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